SI-SE 2010: Softwareentwicklung aus Sicht des Gehirns


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Am 29.01.2010 veranstaltet die Fachgruppe Software Engineering der Schweizer Informatik Gesellschaft (SI-SE) an der Universität Zürich die 16. SI-SE Fachtagung. Das Thema bei dieser Tagung lautet: Soft Factors – Der Mensch im Software Engineering.

Ich werde dort über Wissensarbeit aus Sicht des Gehirns berichten und den Bezug zur Softwareentwicklung  herstellen. Produktivität in der Softwareentwicklung zu erreichen heisst zunächst einmal, das wichtigste Werkzeug – unser Gehirn – effektiv einzusetzen. Daneben gibt es noch andere sehr interessante Vorträge z.B. über Lernen aus Misserfolgen (statt aus Erfolgen), auf die ich schon jetzt sehr gespannt bin.

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KnowTech 2009 – Technologie treibt Wissensmanagement


Die vom 6. bis 7.Oktober 2009 stattgefundene KnowTech 2009 ist eine der wichtigen Konferenzen zum Thema Wissensmanagement im deutschsprachigen Raum. Dieses Jahr standen die Themen semantische Suche sowie Kollaboration mit Unterstützung von Web2.0 Tools im Vordergrund. Ich besuchte vor allem Vorträge zum Thema Kollaboration. Hier waren die Begriffe Web 2.0 bzw. Enterprise 2.0 in nahezu jedem Vortrag zu hören. Verschiedene Unternehmen und Berater stellten vor, wie sie mit Social Software die Zusammenarbeit der Mitarbeiter verbessern und den Wissensaustausch fördern.

Ich werde hier wieder einmal den Eindruck nicht los, dass händeringend nach einer technologischen Lösung gesucht wird, um den Wissensaustausch zu verbessern. Zwar haben die Referenten auch das Thema Unternehmenskultur angesprochen, aber die Anwendung und Einführung der coolen neuen Werkzeuge wie Wikis, Blogs, Twitter, Live Meeting oder Instant Messaging haben klar dominiert. Einen Gedanken, den  ich auch mit anderen Teilnehmern an der Konferenz diskutiert habe, möchte ich hier wiedergeben:

Der Trend scheint klar zu synchroner Kommunikation zu gehen. Absenden eines Emails und warten auf die Antwort ist zu langsam. Per Twitter ein Problem an alle Followers zu senden soll eine Fülle guter Lösungsvorschläge hervorbringen. Per Instant Messaging einen Chat zu starten ist cooler als zu telefonieren. All diese Werkzeuge bieten Möglichkeiten, die Kommunikation zu ermöglichen und auch zu verbessern, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Dazu hat man bei der KnowTech allerdings nicht sehr viel erfahren. Übermässige synchrone Kommunikation und ständiges Verfolgen von tweets, Blogs sowie der immerwährenden Erreichbarkeit per Instant Messaging führt dazu, dass Wissensarbeiter keine Zeit mehr am Stück zur Verfügung haben um Probleme zu lösen. Der wohl implizit vorhandenen Hoffnung, Wissensarbeiter bräuchten gar keine Probleme mehr lösen, da sich irgendwo ja jemand findet, der eine Lösung bereits hat, mag kurzfristig attraktiv sein, langfristig würde dies aber die Wissensarbeitskompetenz z.B. eines Unternehmens dramatisch verschlechtern.

Neues Wissen entsteht, wenn Dinge ausprobiert werden und die Mitarbeiter aus den Fehlern lernen . Hier war das Pre-conference Tutorial von Dave Snowden ein echtes Highlight. Allerdings lediglich etwa 15 Personen haben dies besucht. Einen guten Einblick in seine Ideen gibt es im Blogeintrag von Dave Snowden.

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Die Zukunft der Arbeit


Alle bedeutenden Parteien in Deutschland haben im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2009 das Thema Arbeit intensiv zum Fang von Wählerstimmen genutzt. Die SPD versprach 4 Millionen neue Arbeitsplätze bis 2020, die Linke würde gerne 1 Million Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst schaffen und die FDP mit der CDU wollen die Steuern senken und so Wachstum erzeugen, ebenfalls mit dem Ziel neue Arbeitsplätze zu schaffen. Gerne wird der Bevölkerung immer noch der Glaube an die Vollerwerbsgesellschaft vorgegaukelt um Wählerstimmen einzufangen. Wenn man einmal die Statistik zur Entwicklung der Arbeitslosenquote in Deutschland anschaut, sieht man sehr leicht, dass nach jeder Krise (1973, 1982, 1992, 2001) zwar die Arbeitslosenzahl wieder abgenommen hat, aber bei weitem nicht mehr den Ausgangszustand erreichte bevor die nächste Krise kam. Dieser Trend wird praktisch von allen Parteien in der Kommunikation zum Volk nicht erwähnt.

Irgendetwas passiert in der Gesellschaft, für das die Politik in Regierung und Opposition keine Antworten hat. In der Ausgabe September 2009 von brandeins beschreibt Wolf Lotter in seinem Artikel An die Arbeit die Ursachen der seit Jahrzehnten insgesamt stetig steigenden Arbeitslosigkeit. Die Aufrechterhaltung der Industriegesellschaft um jeden Preis sowie die Ignoranz darüber, dass es für immer mehr Menschen keine Arbeit mehr gibt und zukünftig auch nicht geben wird. Der Soziologe Georg Votruba ordnet die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter in vier Gruppen ein: Langzeitarbeitslose, Existenzpendler mit wechselnden Jobs, Normalarbeiter im Angestelltenverhältnis sowie die Gruppe der Arbeiter, deren Kapital Wissen ist.

Die Existenzpendler bewegen sich meist im Niedriglohnsektor mit Tätigkeiten, die oft keine berufliche Qualifikation erfordern. Solche Tätigkeiten stehen durch das Überangebot an Arbeitskräften unter grossem Lohndruck oder können nur mit Niedriglohn vor der Auslagerung in Billiglohnländer bewahrt werden. Die Normalarbeiter, die Angestellten, verrichten in der Produktion oder als Sachbearbeiter in der Dienstleistung meist Tätigkeiten mit einem starken Anteil an Routinearbeit. Oft landen Manager ebenfalls in dieser Kategorie, zumindest wenn sie versuchen sich auf die Administration zu beschränken und das Denken nach unten delegieren da ihr aktuelles Wissen die Realität um sie herum nicht mehr klar reflektiert. Die letzte Gruppe, die Wissensarbeiter, sind die, die durch die Realisierung von Projekten, die Entwicklung innovativer Produkte sowie der Formulierung von Stategien und deren Umsetzung am Markt erfolgreich sind und dadurch neue Arbeit schaffen.

Die Jobs, die im nächsten Aufschwung neu entstehen werden, benötigen hochqualifizierte Wissensarbeiter. Der Trend der Zunahme der Arbeitslosigkeit zeigt, dass die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen immer weniger zu den Anforderungen einer Informations- und Wissensgesellschaft passt. Auch die Zahlen zur Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren 2008 – es waren ca. 21000 Ingenieure arbeitslos gemeldet – und die Anzahl der offenen Stellen – allein in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen allein fast 30000 – zeigen diese Tendenz eindeutig. Diese leicht nachzuvollziehende Erkenntnis kann eine Gesellschaft sehr belasten. Diese wird anfällig für extreme Parteien und deren Ideologien, die Verwaltung und Kontrolle von staatlichen Unterstützungsmassnahmen verschlingt Milliarden und durch soziale Unruhen können auch die, die Arbeit haben, ihre Freiheit nicht mehr geniessen.

Hoffen wir, dass die neue Regierung die nächsten vier Jahre nutzt, dieses Problem einmal zu ergründen und ins Bewusstsein der Bevölkerung bringt. Erst dann lassen sich Lösungen wie zum Beispiel das garantierte Grundeinkommen diskutieren.  Für alle Wissensarbeiter aber gilt: das Wissen ist unser Kapital, welches zur Lösung von Problemen  zur Anwendung kommt und dadurch wächst und sich vermehrt. Dieses Kapital gilt es zu mehren und nutzbringend einzusetzen. Wir sind also so etwas wie Wissenskapitalisten und verfügen selbst über das wichtigste Produktionsmittel . Marx hätte seine Freude an uns gehabt…

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Umfrage zu Enterprise 2.0


Im Jahr 2008 hat das Bitkom eine Studie mit dem Titel: Enterprise 2.0 – Analyse zu Stand und Perspektiven in der deutschen Wirtschaft veröffentlicht. Dabei wurden rund 400 Unternehmen in Deutschland befragt. Die Studie ist eine Fortsetzung der bereits in 2007 von Berlecon Research durchgeführten Studie bei rund 150 Unternehmen über den Einsatz von Web 2.0. Bereits damals haben sich 90 % der Befragten zu mangelnder ITK-Unterstützung für den immer grösseren Bedarf an Zusammenarbeit und Wissensaustausch geäussert:  Nearly 90 % of the respondents have experienced an increased demand for efficient collaboration and the exchange of knowledge. Many of them don´t feel adequately supported in this by their ITC.

Wenn man nun so die Ergebnisse der Studie des Bitkom von 2008 anschaut, erkennt man, dass sich eigentlich nicht viel geändert hat:

  • Deutlich ist zu erkennen, dass die Investitionen und die Anstrengungen mit Fokus auf den Einsatz von neuen Technologien angegangen werden.
  • Die Firmen erhoffen sich durch den Einsatz von Technologie einen positiven Einfluss auf die Unternehmenskultur. Besser wäre: die Unternehmenskultur und die Arbeitsweise der Informations- und Wissensarbeiter dahingehend zu verbessern, dass der Einsatz neuer Technologien nutzbringend ist.
  • Wieder einmal der Versuch von Technologie getriebenes Informations- und Wissensmanagement zu etablieren

Sehr interessant ist auch, dass bei der Befragung Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern und v.a. auch mit globalen Standorten die Vorreiter spielen. Meine Interpretation hier lautet:

  • Grossunternehmen sind besonders schwerfällig, wenn es darum geht eine Unternehmenskultur zu ändern.
  • Wenn die Kulturunterschiede besonders gross sind und die Zusammenarbeit über global verteilte Standorte nicht sehr gut funktioniert, ist die Anfälligkeit besonders gross, dies mit neuer Technologie zu kaschieren oder oberflächlich zu verbessern. Wenn die Hose zu kurz ist, helfen auch mal ein paar längere Hosenträger…

Der Austausch von Daten und der Austausch von Wissen sind allerdings immer noch nicht nur zwei Paar Stiefel, sondern es liegen Welten dazwischen. Daten kann ich elektronisch zu jeder Zeit an jeden Ort der Welt senden. Der Austausch von Wissen erfordert beim Empfänger einen Lernprozess, von dem die meisten Manager nichts wissen wollen. Vielleicht erinnern sich viele der Manager nicht so gern an die eigene Schulzeit zurück…

Viel Spass beim Lesen und Lernen wünscht

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Enterprise 2.0 – Technologischer oder kultureller Wandel?


Vor rund einem Jahr hat der Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) ein Positionspapier zum Thema Enterprise 2.0 – auf der Suche nach dem CEO 2.0 herausgegeben.

Die Umgestaltung von Unternehmen mit den Ideen von Enterprise 2.0 ist eine Voraussetzung für Mitteleuropa, um langfristig mit innovativen Produkten und Dienstleistungen international wettbewerbsfähig zu bleiben. Talente zu vernetzen mit dem Ziel Innovationszyklen zu verkürzen wird ein zunehmend wichtigerer Faktor um Wissensarbeit deutlich produktiver zu machen. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem kulturelle Aspekte:

  • Aufbau einer ganzheitlichen Unternehmensphilosophie mit flachen Hierarchien, Selbstorganisation und Partizipation
  • Führung wird zunehmend wichtiger als direkte Kontrolle
  • Grundlage dazu sind Loyalität und Vertrauen
  • Wertschöpfende Bereiche erhalten den eigenen Marktkontakt zurück und entwickeln so die Fähigkeit sich flexibel an die Erfordernisse der Kunden anzupassen

Beim Lesen des Positionspapiers wird man allerdings die Zweifel nicht los, dass die Autoren doch sehr stark der Überzeugung sind, dass letztendlich die Technologien des Web 2.0 einer der wesentlichsten Treiber zum Enterprise 2.0 sind. Ich glaube dagegen, dass Web 2.0-Technologie die neue Kultur besonders über verteilte Standorte sehr gut unterstützen kann. Ohne die Durchdringung der Organisation mit den oben genannten kulturellen Aspekten besteht die Gefahr eines kurzen Hypes mit nachfolgender Enttäuschung.

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OOP 2009: Softwareentwicklung aus Sicht des Gehirns


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Die OOP 2009 ging sehr schnell vorbei. Softskills in der Softwareentwicklung waren neben den vielen technischen Vorträgen ein sehr wichtiges Thema. Es scheint, als ob unsere Branche die Zeit bis zum nächsten Paradigmenwechsel nutz, um die Humanaspekte stärker in den Vordergrund zu stellen. Einen Überblick und ein paar Sätze zu meiner Keynote Softwareentwicklung aus Sicht des Gehirns findet man in einer Zusammenfassung im Heise Developer Newsticker.

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Arbeitnehmer müssen Alternativen haben


Am vergangenen Sonntag (1.02.2009) haben bei Anne Will wieder einmal die Betroffenen einer Reihe ahnungsloser Poltiker gegenübergesessen. Diskutiert wurde die schlechte Behandlung von Mitarbeitern bei deutschen Lebensmitteldiscountern. Diese Situation ist selbstverständlich bedenklich und äusserst beschämend für einige dieser Unternehmen – keine Frage. Die Diskussion führte aber leider wie so oft nur in die immer wieder gleiche Richtung: wie können wir die bösen Unternehmen besser kontrollieren und die leidtragenden Arbeitnehmer besser schützen.

Dabei gibt es für Arbeitnehmer schon seit langer Zeit nur eine Devise: genügend Alternativen haben. Schlecht ausgebildete Arbeitnehmer oder Akademiker, die es sich in der Routinearbeit bequem gemacht haben, haben natürlich kaum Alternativen die Arbeitstelle zu wechseln. In einer Studie des Montreal Knowledge City Advisory Committee aus dem Jahre 2003  geht auf Seite 35 hervor, dass Wissensarbeiter Regionen bevorzugen, die vor allem stimulating jobs and potential for lateral moves bieten. Interessante, abwechslungsreiche Arbeit und attraktive Arbeitgeber halten die Möglichkeit offen, die Stelle zu wechseln. Das eine hilft am Ball zu bleiben und nicht einzurosten, das andere bewirkt ein Werben der Arbeitgeber um die besten Köpfe. Der sektorielle Strukturwandel – und dabei eben besonders der sogenannte metasektorielle Strukturwandel – bietet eben Chancen für die einen und Gefahren für die anderen, je nach Beitrag zur Wertschöpfung.

Die Botschaft der Diskussion bei Anne Will an das deutsche Volk hätte lauten müssen: liebe Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, werdet Wissensarbeiter, bemüht euch um eure Weiterbildung, sucht im Job die Herausforderung und nicht das bequeme Leben – dann können euch die Discounter auch mit noch so fiesen Tricks nichts anhaben. Für diejenigen, die dies nicht erreichen, muss der Staat für Recht und Ordnung sorgen – aber nicht einmal das bringen die Politiker fertig. Im deutschen Arbeitsgesetz reicht es offensichtlich aus, eine Kassiererin des Diebstahls von EUR 1.30 zu verdächtigen, um eine Kündigung zu rechtfertigen. Die Betonung liegt hier auf „verdächtigen“. Fazit: Diejenigen, die die Wirtschaft voranbringen könnten, kann die Politik kaum motivieren. Diejenigen, die auf ihre Hilfe angewiesen sind, lässt sie im Stich.

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Unterschiede der Wissensarbeit in europäischen Ländern


Mitarbeiterinnen der in London ansässigen Stiftung Work Foundation haben eine Studie durchgeführt mit dem Ziel die Sozialverträglichkeit wirtschaftlichen Wachstums in 27 EU-Staaten herauszuarbeiten. Das Resultat zeigt, dass Flexibilität in der Arbeitsmarktpolitik mit einer angemessenen sozialen Absicherung, also die richtige Kombination aus Flexibilität und Sicherheit („Flexicurity“) entscheidend für ein nachhaltiges und sozoalverträgliches Wachstum ist.

Betont wird dabei die Bedeutung der Wissensarbeit und der Wissensgesellschaft. Die Arbeitnehmer sind dann am leistungsfähigen, wenn Faktoren wie Anpassungsfähigkeit, Kreativität, Grad der Abwechslung bei der Tätigkeit, Weiterbildungsmöglichkeiten und auch Sinn in der Beschäftigung zueinanderfinden. Kaum überraschend: Skandinavier und Niederländer sind uns hier nicht nur eine Nasenlänge voraus.

Was mal wieder auffällt: der Begriff Wissensarbeiter wird auch hier falsch benutzt. Nahezu alle Akademiker sollen Wissensarbeiter sein. Jeder Sachbearbeiter oder Lehrer, der es sich in seinem Büro bequem gemacht hat und den Tag mit Routinearbeit verbringt, hat zwar vielleicht einmal studiert, aber sich langsam vom Wissensarbeiter zum Routinearbeiter gewandelt – oder besser – ist vom Wissenarbeiter zum Routinearbeiter retardiert. Faktoren wie Kreativität, Abwechslung und Sinn finden diese Arbeitnehmer kaum noch.

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Peter F. Drucker vor 50 Jahren: Der Wissensarbeiter


Vor 50 Jahren hat Peter F. Drucker als einer der ersten den Begriff des Wissensarbeiters geprägt. Dies war sogar eine Meldung im Heise Newsticker vom 8.1.2009 wert. Hier wird auch ein Artikel von Ulrich Klotz erwähnt – Die Entmündigten lernen, kreativ zu sein, der in der tageszeitung am 7.1.2009 erschien.

Die Diskussion im Newsticker um den Begriff Wissensarbeit und Wissensarbeiter ist leider nicht sehr fundiert, sondern ist geprägt von der Analyse der beiden Wörter Wissen und Arbeit. Wissen wird dabei als etwas elitäres verstanden und Arbeit wird vorwiegend mit manueller Arbeit, die hauptsächlich durch Unqualifizierte erbracht wird, assoziiert. Den Begriff Wissensarbeit hat hier niemand richtig verstanden.

Der Artikel von Ulrich Klotz beschreibt, wie die digitale Kommunikation die Zusammenarbeit massiv erleichtern kann. Das Beispiel von Open-Source Softwareentwicklung nimmt der Autor als Paradebeispiel für hierarchiefreie, auf Wertschätzung basierte Zusammenarbeit, die weltweit verteilt erfolgen kann. Grundsätzlich ist dies natürlich richtig, sehr viele erfolgreiche Open-Source Projekte beweisen dies ja auch, wenngleich auch bei Open-Source Projekten nicht jeder Entwickler machen kann was er will, sondern es genauso unterschiedliche Stufen von Entwicklern gibt, die wichtigere oder eben weniger wichtige Teile der Software entwickeln. Auch darf nicht jeder seinen Sourcecode einfach so ungeprüft in das System einspeisen (einchecken). Auch hier gibt es Verfahren und eben gewisse Hierarchien.  Besonders kritisch finde ich seine Aussage, dass über Internet und Web 2.0 nun jeder mit jedem völlig problemlos sein Wissen austauschen kann. Man kann sicherlich problemlos Daten und vielleicht noch Informationen austauschen. Der Austausch von Wissen bedingt aber auch heute einerseits die Fähigkeit Sachverhalte zu erklären und auf der anderen Seite das Gelesene zu verstehen und zu verarbeiten. Dies hat sich seit der Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gutenberg vor über 500 Jahren nicht verändert. Heute müssen wir natürlich ein Vielfaches an Information verarbeiten, der Flaschenhals Wissensaustausch zwischen Personen ist aber nahezu unverändert geblieben. Hier muss angesetzt werden, wenn wir die technischen Möglichkeiten in der täglichen Arbeit sinnvoll einsetzen wollen und unsere Produktivität vor allem in der Wissensarbeit markant steigern möchten.

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Der sektorielle Strukturwandel


In diesem Artikel möchte ich den sektoriellen Wandel erläutern. Dieser teilt sich auf in einen intersektoriellen Strukturwandel und in einen metasektoriellen Strukturwandel (siehe auch Pfiffner/Stadelmann: Wissen wirksam machen, Haupt, Bern, 1998, Seite 68ff):

Der intersektorielle Strukturwandel

Die Art der erzeugten Produkte ist gemäss der sogenannten Drei-Sektoren-Hypothese im Wandel begriffen. Die prozentuale Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer im primären Sektor, der Landwirtschaft, wird weiter abnehmen. Ebenso ist der Anteil der Beschäftigten im sekundären Sektor, der Industrieproduktion, weiter im sinken. Der dritte Sektor, die Dienstleistungen, erfahren seit geraumer Zeit eine deutliche Zunahme an Beschäftigten.

Bild: wikipedia.de

Der Grund für diese Zunahme ist die mittlerweile sehr hohe Produktivität mit einer sehr weit fortgeschrittenen Automatisierung. Gleichzeitig können Menschen nicht unendlich viele Güter konsumieren – aus Zeit- oder Platzgründen, aber vor allem auch aus finanziellen Gründen. Durch die zunehmende Komplexität der Produkte steigt aber der Bedarf an Dienstleistungen. Dies nicht nur im privaten Bereich sondern vor allem auch im professionellen Umfeld.

Der metasektorielle Strukturwandel

Ein dem intersektoriellen Strukturwandel sich überlagernder Wandel – der metasektorielle Wandel – zeigt die Verschiebung der Wertschöpfung weg von Nicht-Wissensarbeit, also Routinearbeit, hin zu Wissensarbeit. Damit ist also gemeint, dass ein Ingenieur, der eine neuartige Kaffeemaschine entwickelt, eine höhere Wertschöpfung erbringt als ein Montagearbeiter, der diese Maschine in der Fabrik zusammensetzt. Auch im primären Sektor, der Landwirtschaft, ist die Effizienzsteigerung von ganzen Landwirtschaftbetrieben als Wissensarbeit zu bezeichnen während die Einteilung der Erntehelfer auf das Erdbeerfeld eine tägliche Routinearbeit, also Nichtwissensarbeit darstellt. Die Wertschöpfung der Effizienzsteigerung des Landwirtschaftsbetriebs – also der Wissensarbeit –  ist bei richtiger Ausführung natürlich wesentlich höher als die einfache Routinearbeit.

metasektoriellerstrukturwandel

Enorm wichtig ist hier zu verstehen, dass Wissensarbeit und Nichtwissensarbeit, also Routinearbeit, nichts mit dem Unterschied zwischen Kopfarbeit und manueller Arbeit zu tun hat. Sowohl Kopfarbeit als auch manuelle Arbeit können Wissens- oder Routinearbeit sein. Ein Ingenieur, der einen komplexen und für ihn neuartigen Laborversuch aufbaut, verrichtet (geistige und manuelle) Wissensarbeit, eine Sekretärin, die ein Sitzungsprotokoll schreibt und die Beschlüsse geeignet ausformuliert, verrichtet (geistige und manuelle) Routinearbeit.

Interessant ist es, sich selbst mal Gedanken zu machen, wie gross denn die eigene Wertschöpfung im Unternehmen ist und mit welchen Anteilen an Wissens- oder Routinearbeit diese erbracht wird.

Viel Spass bei der Analyse wünscht

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Einflussfaktoren der Arbeitswelt


Wenn man Zeitungen aufschlägt, das Fernsehen einschaltet oder Radio hört, ist die Finanzkrise und deren negative Folgen für den Arbeitsmarkt allgegenwärtig. Bei Anne Will in der ARD diskutierten am 26.10.2008 wieder einmal Politiker, welche Partei was falsch gemacht hat und welche Massnahmen jetzt rasch umgesetzt werden müssen, um das System zu stabilisieren. Vorgeschlagene Massnahmen sind irgendwelche Konjunkturprogramme, Lohnerhöhungen trotz Finanzkrise um den Binnenmarkt nicht zum erliegen zu bringen, Steuererleichterungen hier und da, usw.  In meinem Artikel vom 26.10.2008, Komplexe Probleme lösen habe ich mit Bezug auf den Artikel in brandeins 10/2008 von Alexander Grau beschrieben, wie schnell Menschen zu sogenanntem Reparaturverhalten neigen ohne das System in seinem dynamischen Verhalten durchschaut zu haben. Dabei ist schon lange bekannt, dass die heutige Arbeitswelt unter dem Einfluss von fünf grundlegenden Faktoren steht. Grundlegend bedeutet dabei aber nicht, dass diese Faktoren etwa voneinander unabhängig sind. Sehr wohl beeinflussen sich diese Faktoren gegenseitig, in zum Teil offensichtlicher, manchmal aber auch recht subtiler Art und Weise. Dies macht Interventionen schwierig, aber nicht aussichtslos. Die Politik müsste sich eben nur mal die Mühe machen, das System zu verstehen und den Mut aufzubringen mit Interventionen zu experimentieren.

Die fünf Faktoren sind:

  • Der sektorielle Wandel
  • Der demographische Wandel
  • Der technische Wandel
  • Die Globalisierung
  • Der gesellschaftliche Wandel

Die Reihenfolge der obigen Liste macht dabei keine Aussage über die Bedeutung eines jeden Faktors. Im Beitrag von Norbert Bensel, Arbeitszeit, Weiterbildung, Lebenszeit – neue Konzepte, Kongress „Gut zu Wissen“, Heinrich-Böll-Stiftung, 5/2001 finden sich diese fünf Faktoren, etwas anders bezeichnet, ebenfalls wieder.

Da wir kaum davon ausgehen können, dass die Politik die Komplexität der Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft wirklich versteht und langfristig wirksame Rahmenbedingungen setzt um damit das Gesamtsystem zu steuern, ist jeder Einzelne für sich verantwortlich, diese fünf Faktoren in seiner eigenen Lebensplanung zu berücksichtigen.

In den nächsten Artikeln werde ich jeden dieser fünf Faktoren näher beschreiben.

Bis dahin, viel Spass beim lesen und nachdenken…

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Komplexe Probleme lösen


In der Zeitschrift brandeins 10/2008 beschreibt Alexander Grau im Artikel Nur die Ruhe!, wie wir an die Lösung komplexer Probleme herangehen sollten. Gemäss Karl Duncker ist Problemlösen, wenn man ein Ziel erreichen will, aber nicht weiss, wie man dorthin kommt. Probleme sind mehrstufig aufgebaut und erfordern ein schrittweises Nähern an eine mögliche Lösung.

Einfache Probleme lassen sich durch Herumprobieren lösen, komplexe nicht. Beides ist Wissensarbeit. Beim einfachen Fall kann jemand durch geschicktes Probieren zu einer Lösung kommen, wenn denn Probieren überhaupt möglich ist, beim komplexen Fall geht das nicht.

Komplexe Probleme zeichnen sich aus durch folgende Merkmale:

  • Viele unbekannte Variablen
  • Die komplexe Vernetzung dieser Variablen, d.h. eine Änderung einer Variable zieht diverse Änderungen anderer Variablen oft in nicht-linearer Form nach sich
  • Dynamik: ständige Veränderung von Variablen

Menschen sind aufgrund ihrer begrenzten menschlichen Verarbeitungskapazität nicht in der Lage auf einen Schlag die Komplexität der Situation zu beherrschen und machen typische Fehler:

  • Das Ziel ist schon mal nicht klar, d.h. was soll die Lösung denn bringen
  • Neigung zum Lösen von Teilproblemen ohne das Ganze im Auge zu behalten
  • Menschen neigen zu ad-hoc Massnahmen und sind fast grenzenlos optimistisch
  • Fehlen einer klaren globalen Strategie, dafür Beheben von Symptomen, d.h. augenscheinlichen Missständen

Alexander Grau empfiehlt aufgrund obiger Erkenntnisse Mut zum Experimentieren zu haben, Fehler zu begehen, und aus ihnen zu lernen. Wie eingangs schon gesagt, Probleme sind mehrstufig aufgebaut und erfordern eine iterative und inkrementelle Vorgehensweise.

Wie sieht es in Ihren Unternehmen damit aus, Fehler machen zu dürfen und zu lernen? Viele Arbeitnehmer besonders in börsennotierten Grossunternehmen beklagen ja eine Fehlervermeidungskultur. Fehlervermeidungskultur heisst dann auch Lernvermeidungskultur. Und das im Zeitalter des lebenslangen Lernens….

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Softwareentwicklung aus Sicht des Gehirns


Die Anwendung der Grundprinzipien von Wissensarbeit auf das Gebiet der Softwareentwicklung zeige ich am 27. Januar 2009 in meiner Keynote Softwareentwicklung aus Sicht des Gehirns auf der OOP 2009 in München.

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Dimensionen zur Beurteilung der Leistung von Wissensarbeitern


In seiner Dissertation beschreibt Gerhard Hube [Hube2005] die Dimensionen der Leistungsbeurteilung von Wissensarbeit. Diese bestehen aus den folgenden fünf Faktoren (siehe auch S.76/77 in [Hube2005]):

  • Effektivität
  • Effizienz
  • Formale Qualität
  • Inhaltliche Qualität
  • Brauchbarkeit

Effektivität ergibt sich dabei aus dem Ableiten der richtigen Arbeitsaufgaben aus der Zielsetzung. Effizienz erreicht man durch Standardisierungen, dem Einsatz geeigneter Werkzeuge oder durch Vereinfachung von Arbeitsabläufen vor allem im faktischen Handlungsfeld. Das Arbeitsergebnis, also das Resultat der Problemlösung, welches zunächst auch nur aus Teillösungen bestehen kann, wird auf formale Qualität geprüft und das Feedback kann im faktischen Handlungsfeld zu Anpassungen führen. Die inhaltliche Qualität führt zu Anpassungen im Referenzhandlungsfeld. Das über alle Faktoren aber entscheidende Kriterium ist die Brauchbarkeit des Arbeitsergebnisses. Wie gut erfüllt die Lösung die eingangs gestellte Zielsetzung. Dieses permanente Prüfen der Brauchbarkeit der Ergebnisse scheint mir der gravierendste Unterschied zur Produktion von Massengütern zu sein. Bei einer für die Produktion eines bestimmten Autos eingestellten Montagestrasse wird niemand nach der Produktion eines Fahrzeugs dessen Brauchbarkeit im hier genannten Sinne überprüfen. Dies hat hoffentlich schon in der Entwicklung ausgiebig stattgefunden – oder eben auch nicht, wie viele Ladenhüter bei manch grossen Autoherstellern ja beweisen.

Meine Erfahrung in der Softwareentwicklung zeigt, dass eben diese Brauchbarkeit – wenn überhaupt- sehr oft erst am Schluss eines Entwicklungsvorhabens geprüft wird. Meistens dann auch mit einem ernüchternden Ergebniss. Brauchbarkeit muss permanent geprüft werden. Dies geht bei der Entwicklung von Applikationen bei den funktionalen Anforderungen am Besten durch den Einbezug von unterschiedlichsten Benutzern. Diese müssen dann aber bereit sein, auch Teillösungen zu testen. Dieser Feedback führt dann zu anderen oder neuen Arbeitsaufgaben um die Teillösungen weiter zu verbessern. Viele Unternehmen scheuen aber den Aufwand dafür und riskieren damit eine zu geringe Brauchbarkeit.

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Leistungsbeurteilung


In der Zeitschrift brandeins, Ausgabe 9/2008 ist ein sehr interessanter Artikel von Wolf Lotter, Die neue Leistung, erschienen, der das Problem der Leistungsbeurteilung von Wissensarbeitern diskutiert. Wir stecken hier sozusagen immer noch im Tayloristischen Zeitalter fest, in dem die Leistung eines jeden Arbeiters an der Stückzahl hergestellter Teile bemessen wurde. Heutzutage sind die Ergebnisse von Wissensarbeitern meist nicht von Anfang an klar definiert und in physikalischen Einheiten messbar, sondern der Nutzen der Resultate ist, was zählt. Da der Nutzen als wichtiger Output an sich aber nur schwer quantifizierbar ist, erfolgt der Rückfall auf den Input: Anzahl geleisteter Stunden, oder noch besser Überstunden. Dabei sollte der Mitarbeiter auch einen gestressten Eindruck hinterlassen, damit auch wirklich klar ist, für dieses Ergebnis musste er richtig schuften – tolle Leistung, toller Einsatz. Wer dann noch immer genau an den Tagen abends länger bleibt, an denen der Chef auch nachsitzen muss, für den ist die Konzernkarriere fast schon sicher. Aber nur so lange es den Konzern auch gibt, was bei der heutigen Fusionitis auch nicht mehr so sicher ist wie es auch schon war.

Interessant ist die Argumentation von Wolf Lotter, dass die Lust an Leistung genau bei denen am grössten ist, die eben nicht von Vorgesetzten beurteilt oder bemessen werden – Unternehmer, Selbständige oder Künstler. Dies sind alles Schaffende, die in der Regel allein von ihren Kunden nach dem wirklich erbrachten Nutzen beurteilt werden. Keine Politik, keine Kraftvergeudung für konzerninternes Karrieregerangel – alle Energie in den Kundennutzen. Vielleicht ist die zunehmende Ineffektivität in der Wissensarbeit irgendwann das Gift, an dem Grosskonzerne wie seekranke Dinosaurier zu taumeln beginnen.

Viel Spass beim lesen wünscht Ihnen

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